29 Okt 17 – 15 Aug 18
ErotiKreativ heute – 25 Jahre später
Eröffnung Sa 28 Okt, 16 Uhr

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Mit seiner Verfügungspermanenz im Wiener Werkstätten- und Kulturhaus (WUK) wurde Hermes Phettberg eine Ikone des stolzen elendigen Scheiterns, später mit seinen 18 Folgen Nette Leit Show wohl auch ein Medienstar.

Man braucht oft Zeit, um etwas besser zu erkennen. Zwischen der Eröffnung der Ausstellung am 28. Oktober 2017 in der Eremitage am Kamp und den ihr zugrunde liegenden beiden Ausstellungen ErotiKreativ von 1990 und 1992 liegen ungefähr gleich viele Jahre wie zwischen diesen legendären – für Besucherinnen und Besucher sowie Medien schwer einzuordnenden – Ereignissen im WUK und dem Aktionismus. Der rege Austausch mit den Protagonistinnen und Protagonisten der 68er-Generation und ihr Mitwirken waren kein Zufall.

Heike Keusch, damals noch Hans Mariacher, war als Gründungsmitglied der LIBERTINE Sadomasochismus-Initiative Wien ein praktizierender Aktionist. Wenn er sich als Transvestit im öffentlichen Raum bewegte oder sich gar um einen Bürojob bewarb, führte das nicht – wie heute vielleicht – zu einer Einladung in eine Reality-Show, sondern einfach zu Verwirrung und Ablehnung.

Für „Unter Druck“, das Printmedium der LIBERTINE, interviewte er Clemens Feigel, der sich damals in seinem Werk unbekümmert recht realistisch mit der expliziten sexuellen Darstellung auseinandersetzte. Bei dieser Begegnung entstand die Idee zu einem Ausstellungsprojekt: „Sexualität abseits der Klischees“ – später Untertitel der Ausstellung – sollte vor keiner „Perversion“ zurückschrecken, sondern diese jeweils als kreatives Potenzial für das eigene Selbst erkennbar machen. Grenzen sollten nicht der Gesellschaft, sondern dem jeweiligen tatsächlichen Gegenüber geschuldet sein.

Im späteren Katalog war so auch die radikale Forderung einer Erweiterung des Staatsgrundgesetzes zu finden: „Die aus freien Stücken gewählte sexuelle Entfaltung einer jeden Person ohne Beeinträchtigung der selbigen Freiheit anderer Personen ist Kunst.“

Es war ja noch in den Zeiten der berüchtigten Homosexuellenparagrafen im Strafgesetzbuch. So setzte der § 220 StGB nicht nur eine Freiheitsstrafe für die Werbung für Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechtes fest, sondern setzte diese auch der Werbung für Unzucht mit Tieren gleich. Pornojäger Humer war noch aktiv und es folgte seine Anzeige nach § 1 Pornografiegesetz wegen der Herstellung, Ausstellung und Verbreitung von unzüchtigen Schriften, Abbildungen oder Laufbildern (Strafrahmen bis zu einem Jahr).

Wenn heute, 25 Jahre später, viele Paragrafen nicht mehr existieren, die homosexuelle Dragqueen Conchita Wurst einen Eurovision Song Contest gewinnt und in Österreich zum Werbeträger taugt, mag das eine allgemeine Liberalität suggerieren. Es wird damit jedoch die Tatsache überdeckt, dass sich Österreich erst im Jahr 2003 aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte durchrang, den für männliche Homosexuelle geltenden diskriminierenden § 209 StGB abzuschaffen. Dennoch: Da Unrecht in Österreich gern Recht bleibt, wurden trotz EUGH-Aufforderung die bereits gefällten Urteile nicht gelöscht, und die verurteilten Menschen blieben als vorbestraft gebrandmarkt.

ErotiKreativ hatte das Ziel, eine emanzipierte, selbstbewusste Erotikkultur zu stärken. Das emanzipierte Selbstbewusstsein implizierte die Behauptung einer gewissen Authentizität und damit die Infragestellung und Abkehr von vorgeschriebenen Verhaltensmustern und einer marktkonformen Ästhetik. Besonders die ungeschönte künstlerische Transformation eigener sexueller Lebenswelten entwickelte bei ErotiKreativ einen intensiven Sog und führte zu einem vehementen Diskurs.

Anfang der 90er-Jahre waren die Hindernisse für eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität sowie für deren Entwicklung größer als heute, und fernab der Stadt waren die Möglichkeiten zur Überwindung sehr eingeschränkt. Auch wenn die Bewältigung dieser Hindernisse ein gewisses Abenteuerpotenzial und Elemente der Katharsis in sich trug, war sie vor allem mit Aufwand verbunden, was einen schnellen Konsum fast unmöglich machte. Die Befriedigung per Mausklick war noch nicht geboren, kreative eigene Produktion damit oft unerlässlich und ein hohes Gut.

Dieses damalige Spannungsfeld kann exemplarisch an Werken der Ausstellungen 1990/1992 sowie an Pressemeldungen, Anzeigen, Förderanträgen und Förderabsagen, an Briefverkehr und heutigen Stellungnahmen von damals Beteiligten ab 28. Oktober 2017 in der Eremitage am Kamp nachvollzogen werden.

ErotiKreativ heute – 25 Jahre später“ nimmt den Kampf für eine emanzipierte Erotikkultur wieder auf. Schon die einfache Forderung, so Clemens Feigel, Leiter der Eremitage am Kamp, dass in jedem Gewässer nackt, in Badekostüm und in Totalverschleierung in Respekt nebeneinander gebadet werden kann, führt zu Irritation und macht den Rückschritt unserer Gesellschaft bewusst, in der der Aufwand für Überwachung und Verbote zunimmt und jener für Bildung zu Freiheit und Toleranz abnimmt.

Neben dem intellektuellen Diskurs soll der proklamierte künstlerische Themenschwerpunkt „Intimität“ als Herausforderung verstanden werden. Sensibilität und Verletzlichkeit sind in einer auf Effektivität getrimmten Konsumwelt Störelemente, die es zu hegen und pflegen gilt!